Seerechtsstiftung

Prof. Dr. Rolf Herber – Ein Nachruf

Freitag, 21. August 2020

*23.3.1929   †15.7.2020

Prof. Dr. Rolf Herber ist am 15. Juli 2020 in seinem 92. Lebensjahr verstorben. Mit ihm ist eine Persönlichkeit verschieden, die in bemerkenswert vielfältiger und nachhaltiger Weise national und international gewirkt hat. Das Lebenswerk, das er hinterlässt, wird weit über seinen Tod hinauswirken. Dieser Nachruf beleuchtet das Schaffen eines herausragenden Wissenschaftlers in Forschung und Lehre sowie eines überaus einflussreich gestaltenden Rechtspolitikers.

Rolf Herber hatte seine berufliche Laufbahn im Bundesministerium der Justiz begonnen und maßgeblich an den beiden Seerechtsänderungsgesetzen von 1972 und 1986 sowie am Bilanzrichtliniengesetz und der Reform des Unternehmensrechts mitgewirkt. Seine Offenheit für grenzüberschreitende Angelegenheiten ließ ihn schon früh und in besonderem Maße internationale Fragen des Rechts in den Blick nehmen. Ihm war es vergönnt, die Bundesrepublik Deutschland auf zahlreichen internationalen Konferenzen in einer Reihe von Gebieten des Handelsrechts zu vertreten. Seit 1961 war er Vertreter auf fast allen Seehandelsrechtskonferenzen in Brüssel, bei der Internationalen Schifffahrts-Organisation (seinerzeit: IMCO) in London und der UNCTAD in Genf. Seine Aufgaben umfassten internationale Verhandlungen über das Recht der Binnenschifffahrt, des Eisenbahntransports und des multimodalen Verkehrs. In den Jahren von 1968 -1984 wirkte er als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der Kommission der Vereinten Nationen für Internationales Handelsrecht (UNCITRAL) und als Vizepräsident der Diplomatischen Konferenz der Vereinten Nationen über das internationale Kaufrecht in Wien 1980. Er präsidierte die Diplomatische Konferenz der Vereinten Nationen über die Beförderung von Gütern auf See in Hamburg 1978 und hatte maßgeblichen Anteil am Zustandekommen und der Annahme der Hamburg Regeln.

1984 wechselte Rolf Herber nach Hamburg, nahm den Ruf der Universität auf eine Professur für Handels- und Seehandelsrecht an und übernahm den Aufbau und die Leitung des von ihm schon während der Ministerialzeit geplanten und 1982 neu gegründeten Instituts für Seerecht und Seehandelsrecht der Universität Hamburg. Mit diesem Institut verschaffte er dem namensgebenden Rechtsgebiet einen geografisch passenden Standort und eine Heimstätte für einen andauernden akademischen und rechtspolitischen Diskurs, der stets von einem interessengerechten, nicht aber interessengelenkten Duktus geprägt war. Seine Gedanken und Schriften, namentlich das über Jahre entwickelte Lehrbuch zum Seehandelsrecht, seine universitären Vorlesungen und Veranstaltungen sind unvergessen und leben in zahlreichen Schülern und deren Schriften, die er in der Promotionsphase nicht selten anregte und stets diskussionsfreudig betreute, lebendig fort. Die Herausgabe von mehreren Schriftenreihen und der Zeitschriften „Transportrecht“ und „Internationales Handelsrecht“ sind nur ein Ausdruck seines bedeutenden und nachhaltig wirkenden akademischen Schaffens.

In diese Zeit fällt auch sein unermüdlicher Einsatz für die Reform des deutschen Transportrechts, das seinerzeit aus einem veralteten, unübersichtlichen und längst nicht mehr zeitgemäßen Flickenteppich verstreuter Vorschriften bestand. Die von ihm geleitete Sachverständigenkommission erarbeitete einen Entwurf für ein vollständig neues Viertes Buch HGB, einschließlich einer umfassenden Begründung. Der Entwurf wurde die Grundlage eines Gesetzgebungsvorschlags und führte schließlich zu der grundlegend bedeutsamen Reform des nicht-maritimen Transportrechts durch das Transportrechtsreformgesetz vom 25. Juni 1998. Ausgehend von den Entwürfen und Erwägungen der Sachverständigenkommission enthielt das neue Transportrecht erstmals Regelungen über die multimodale Beförderung, die auch international große Beachtung fanden.

Damit nicht genug. Nunmehr machte sich Rolf Herber an eine Generalreform des Seehandelsrechts. Sein Anliegen war, die teils seit fast 150 Jahren unverändert geltenden Vorschriften des Fünften Buches zu modernisieren und sie als Teil eines umfassenden Transportrechts für alle Verkehrsträger neu zu verfassen. Und die wiederum von Rolf Herber geleitete Sachverständigengruppe setzte mit dem Entwurf eines Seehandelsrechtsreformgesetzes neue Maßstäbe. Der Entwurf war die Grundlage des späteren Gesetzes gleichen Namens, das schließlich am 25. April 2013 in Kraft trat und das Fünfte Buch HGB komplett runderneuerte.

Rolf Herber hat in unzähligen Aufsätzen und Monographien unermüdlich zu Fragen des Transport- und des Seerechts Stellung genommen. Viele seiner Veröffentlichungen, die in die Hunderte gehen und auch hier nicht im Einzelnen aufgezählt werden können, setzen bis heute Maßstäbe. Hervorgehoben sei die handliche systematische Darstellung des Seehandelsrechts in dem gleichnamigen Werk Rolf Herbers, das nach der Seehandelsrechtsreform sogleich in 2. Auflage erschien. Vor allem aber lebt seine wissenschaftliche Arbeit in der aktuellen 4. Auflage des Münchener Kommentars zum Handelsgesetzbuch fort, in dem er (zusammen mit Christine Schmidt) die Bandredaktion übernommen hat. Darüber hinaus hat er viele entscheidende Abschnitte auch selbst kommentiert, wie etwa den Ladeschein (§§ 443 ff. HGB, zusammen mit Eva-Maria Harm), die multimodale Beförderung (§§ 452 ff. HGB), die Haftung des Verfrachters für den Verlust bzw. die Beschädigung des Gutes (§§ 498 ff. HGB), das gesamte Recht des Konnossements (§§ 511 ff. HGB) sowie die Regelungen über die Bergung (§§ 574 ff. HGB).

Rolf Herber war nicht weniger als der Vater des modernen deutschen Transport- und Seerechts. Beide Schriftleiter der RdTW waren mit ihm seit Jahrzehnten persönlich sehr verbunden. Unvergessen bleibt seine gelassene Art, sein schöner Humor, seine unerschöpfliche Sammlung von Anekdoten und vor allem sein schier unendliches Wissen um die Details und die Hintergründe des Transportrechts. Wir werden ihn nicht vergessen.

 

Professor Dr. Marian Paschke                                                                                                         Dr. Klaus Ramming